„Über den Goldrand schauen“
Es begann mit einer Tasse vor uns, in der das schwarze Gold Dampfschwaden ausstieß, durch die der glänzende Goldrand uns entgegenstrahlte. Draussen, trübes Wetter, ließen wir uns am vornehm gedeckten Tisch bei Kerzenschein nieder. Noch etwas gehemmt, denn, wie benimmt man sich? Wie geht man mit diesem zarten, kostbaren Geschirr um? Spreizt man den Finger beim Anheben der Tasse? -und warum? Warum heutzutage überhaupt an Etiketten halten? …wir sind doch freie, tolerante Individuen!
Die Erzählung über frühere Sitte an der Kaffeetafel, bei der dieses edle Geschirr einst zum Einsatz kam, gab nach und nach Antworten: die Damen, die doch eigentlich in freundschaftlicher Verbundenheit zueinander standen, sprachen sich mit dem beruflichen Titel ihrer jeweiligen Ehegatten an. Da hieß es dann „Frau Doktor“ oder „Frau Studienrätin, darf ich Ihnen noch ein Tässchen Cafe einschenken?“. Das heißt, der Status des Mannes ersetzte das Eigenwesen der Frauen und wahrscheinlich auch der Männer. Das führte uns im Gespräch wiederum zum Vergleich mit dem jeweiligen anwesenden Kaffeegäste Werdegang: Oft eine Mischung aus Tradition und Unabhängigkeitskampf davon.
Was hieß das konkret für unser Beisammensein an diesem Mittag? Benimmregeln hätten unsere Unsicherheit von Außen aufgelöst – hätten beim Ein- und Anderen gewiß aber auch Trotzreaktionen hervorgerufen. Zwischen dafür und dagegen der Vorgaben gibt es eine innere Mitte- „Die goldene Mitte“ sozusagen.
Schließlich war es ein reichhaltiger Kaffeemittag, der bis in den Abend hineinreichte und bis heute nachhallt*.
*Diese Beschreibung vertritt das Erleben der Autorin und enthält keine Garantie auf die allgemeine Gültigkeit

